Eines frühen Morgens stellte er seine Nüchternheit in den Kühlschrank. Ein letzter Rettungsversuch. Vielleicht war noch etwas davon da, wenn er zurück kam, aber erst einmal setzte er sich in sein Auto und fuhr los. Auf einem Waldparkplatz verprügelte er das Lenkrad, danach begann er zu lachen. Wie in einem Film. Regieanweisung: Lenkrad verprügeln und schreien. Weil die Sporttasche noch auf dem Rücksitz lag überlegte er, laufen zu gehen und tat es dann auch. Grob fiel der Regen in die Hitze, im Rauschen der Bäume hörte er ihr Lied, leise, doch unablässig.

*

Er ist von Wasser umgeben. Wasser bis zum Horizont, sonst nichts. Kein Boot, keine Insel, nur Wasser und Himmel. Was ist passiert? War er auf einem Boot gewesen und über Bord gegangen? Er kann sich nicht erinnern. Hierbleiben, denkt er. Sie werden mich suchen, jemand wird mich suchen, jemand wird mich vermissen. Sie werden die Strecke abfahren, wenn die mein Verschwinden bemerken, und dann werden sie mich finden. Ich darf nicht müde werden. Er legt sich im Wasser auf den Rücken, um Kraft zu sparen. Zählt bis hundertzwanzig, richtet sich wieder auf, um sich einmal um sich selbst zu drehen und Ausschau zu halten. Kein Boot oder Schiff in Sicht, kein Land. Auf den Rücken legen, den Himmel absuchen und bis hundertzwanzig zählen, dann wieder aufrichten und drehen. Nach seinem Gefühl vergehen Stunden. Dann ein Gedanke: Er treibt. Er beginnt, in verschiedene Richtungen zu schwimmen. Nichts. Er ist allein, allein im Meer, und nichts ist in Sicht.

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Während er lief, erinnerte er sich an seine Frau, an den Streit mit ihr am Morgen, der sich nicht wesentlich von all den anderen unterschieden hatte. Sie würde Zuhause auf ihn warten, am Tisch sitzend. Wenn er sie einfach so stehen ließ, wie er es vorhin getan hatte, war das immer ihre Reaktion. Sobald er zurückkam, sprang sie schnell auf und ging irgendeiner alltäglichen Arbeit nach.

In der Dunkelheit waren das die guten Tage.

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Durchnässt von Regen und Schweiß setzte er sich wieder ans Steuer und fuhr nach Hause. Immer der gleiche Ablauf. Ein Hochschaukeln, ein immer mehr Trinken von den Dingen, die um sie herum flossen in dunklen Kanälen, bis sie betrunken waren von gegenseitiger Abneigung.

Immer war er es, der schneller wieder nüchtern wurde, weil sie immer weiter taumelte in diesem Kreis aus unausgesprochenen Verletzungen und Erwartungen, die weder Ziel noch Ursprung hatten. Weiter und weiter drehte sie sich in den Gedanken ihrer dunklen Welt, bis er sie herausreißen musste aus diesem Strudel, indem er sich ihr entgegenstellte und sie auf sich aufprallen ließ.

Und dann das Licht: Lass uns einen Kochkurs machen, lass uns die Freunde oben am Meer besuchen, lass uns das Zimmer neu streichen …

Manchmal, wenn sie an einem warmen Sommerabend in der Stadt unterwegs waren, im Kino oder auch mal im Theater, dann war es, als hätte sich das Dunkel zurückgezogen. Vielleicht für ein paar Tage, manchmal auch für mehrere Wochen. Aber meistens schlich es ihnen hinterher, folgte ihr wie ein Schatten an der Hauswand. Einmal war sie ein paar Meter voraus gegangen, weil er an einem Schaufenster kleben geblieben war. Ihr Schatten schlich neben ihr über die Häuserwände. Während er ihr hinterher blickte, verharrte ihr Schatten für einen kleinen Moment zu lang, und er hatte den Eindruck, als drehe der Schatten sich zu ihm um und flüstere ihm zu: Ich lasse sie nicht los.

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Wieder hat er bis hundertzwanzig gezählt und richtet sich auf. Die Gedanken beginnen sich zu verändern. Waren es am Anfang Gedanken an eine Rettung, an eine Zukunft, so mischen sich jetzt immer mehr Erinnerungen in seinen Kampf um das Überleben. Das zehrt an der Kraft, aber außer dem Überleben gibt es hier draußen nichts, was ihn ablenken kann. Und dieses Ziel ist kleiner geworden in den letzten Stunden. Der Himmel ist leicht bewölkt und logisch denkt er, wie gut das für ihn ist, denn Sonne würde seine Situation noch verschlimmern. Kein Land in Sicht, kein Schiff, kein Boot, noch nicht einmal ein Vogel am Himmel.

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Sie steckten fest in den Träumen einer ungelebten Vergangenheit, immer noch hoffend, dass sich wenigstens einer davon verwirklichen ließe. Groß waren ihre Träume nie gewesen. Immerhin eine schöne Wohnung mit Garten am Rande der Stadt, das hatten sie erreicht. Am Anfang war es dort hell gewesen und freundlich. Heute saß sie oft am Abend noch so da wie am Morgen, und auch den alten, von ihr so geliebten Wasserkrug hatte sie nicht in den Schrank zurückgestellt, obwohl sie doch am Morgen noch gesagt hatte: „Lass nur, ich räume nachher alles weg.“

In der Dunkelheit waren das die schlechten Tage.

In den Nächten war diese Dunkelheit heller als am Tag.

Als sich der Winter in das Gesicht seiner Mutter gegraben hatte und sie in das kleine Zimmer zu ihnen zog, schillerte die Dunkelheit geradezu neben dem Bett seiner Frau, dort, wohin sie ihr Gesicht gedreht hatte. Immer weg von ihm und zur Dunkelheit hin. Wie ein Konkurrent stand sie auf der anderen Seite des Bettes und beobachtete sie, ernährte sich von ihrer Schlaflosigkeit,  wartete am Esstisch auf seine Frau, wenn sie trotz der Schlafmittel aufstand und die Nacht dort sitzend verbrachte.

Erst, als seine Mutter gestorben war, fiel ihm auf, wie viel Zeit und Raum er in den letzten Monaten für die Pflege der alten Frau gebraucht hatte. Zeit und Raum, die er nicht seiner Frau gewidmet hatte. Plötzlich dachte er darüber nach, ob nicht er selbst in den letzten Monaten für die Dunkelheit seiner Frau verantwortlich gewesen war. Weil er sie vernachlässigt hatte, weil er nicht alle alltäglichen Aufgaben übernommen hatte aus Rücksicht darauf, dass die Dunkelheit seine Frau lähmte. Er hatte sich aufgerieben zwischen seiner Frau, der Mutter und seinem eigenen Leben. Nach dem Tod seiner Mutter war ein Freiraum entstanden, weil er nicht mehr pünktlich zurück sein musste, um die Mutter umzudrehen, die Bettlaken zum zweiten Mal am Tag zu waschen oder die Medikamente zu verabreichen. Diesen Freiraum beanspruchte er nun für sich.

Für sich ganz alleine.

Dieser Platz war gut, aber er fütterte die Dunkelheit in seiner Frau, denn er ließ sie dort nicht hin, indem er ihrer Dunkelheit wieder mehr Platz einräumte. Eines Tages sagte ein Kollege: „Lass uns was trinken gehen“, und er ging mit. Er trank drei Gläser Bier und lächelte einer Frau zu, die am anderen Ende der Theke mit einer Freundin saß. Nur ein Lächeln, mehr nicht. Nicht, weil sie ihm gefiel, oder weil er Lust hatte, sondern einfach, weil sie im Lachen zu ihm herüber geblickt hatte. Das Lachen hatte nicht ihm gegolten, aber er nahm es an. Er ließ das Auto stehen, und als er am Abend heim kam, saß seine Frau in der Küche, der Wasserkrug stand auf dem Tisch. Er wollte Licht machen.

„Lass das“, sagte sie.

*

Einmal um sich selbst drehen, auf den Rücken legen und bis hundertzwanzig zählen. Hat er nicht gerade eben erst bis hundertzwanzig gezählt? Ist er durcheinander gekommen? „Konzentrier dich!“, ermahnte er sich selbst.

Ein Lied im Kopf singen, von Anfang bis Ende, ganz konzentriert. Er beginnt mit einfachen Liedern aus dem Radio. Leise singt er: „I will Survive“ und hätte fast gelacht. Immer wieder driftet er ab. Er denkt an den Urlaub in Italien, von dem sie gerade erst zurück gekommen waren. Seine Frau war mit nichts zufrieden gewesen, und nach einem Streit war er einfach losgelaufen und ziellos durch die Stadt geschlendert. Dann hörte er ihn. Domingo. Er folgte der Stimme des Opernsängers und fand eine Wiese, auf der hunderte von Menschen vor einer Leinwand saßen und sich die Übertragung einer Oper ansahen.

„Konzentrier dich“, flüstert er sich zu und dreht sich auf den Rücken. Jetzt zählt er nicht mehr bis hundertzwanzig. Jetzt hört er zu.

*

Mitten in der Nacht stand er auf, weil seine Frau nicht neben ihm lag. Auch er hatte nicht geschlafen. Sie saß noch am Tisch, hatte sich nicht bewegt. Ob sie nicht ins Bett kommen wolle?

„Wo bist du gewesen?“

Die Frage schwebte über dem Küchentisch, doch ehe er antworten konnte, schnappte sich die Dunkelheit seiner Frau die Frage, fraß sie in sich hinein, schluckte sie gierig herunter und wuchs an ihr. Er atmete durch, wollte sich nicht gefangen nehmen lassen, wollte nicht in den Strudel hinein. Er ging zu ihr und nahm das Tablettendöschen vom Tisch. Wie viele sie davon genommen habe, fragte er.

„Das ist dir doch egal.“

Er merkte, wie etwas in ihm aufstieg und wollte gehen.

„Ich werde das Zimmer deiner Mutter streichen, ich will wieder malen, ich brauche den Platz“, sagte sie.

„Das ist eine gute Idee“, erwiderte er. „Du kannst das Zimmer gerne haben.“

Tatsächlich war es ihm egal, denn seit Jahren schon erzählte sie ihm, dass sie wieder mit dem Malen anfangen wolle. Und tat es doch nie. Das Zimmer war ihm egal, denn sein neuer Freiraum war dort nicht verankert. Er drehte sich um und wollte wieder ins Bett, als der Wasserkrug neben ihm an der Wand zersprang.

„Warum trinkst du nicht etwas mit mir?“, fragte sie und holte ein Bier aus dem Kühlschrank.

Er drehte sich um und sah sie an. Dann ging er an den Tisch, nahm die Bierflasche, stellte sie zurück in den Kühlschrank, zog sich an und lief zu seinem Auto, ein Fußweg von vielleicht einer halben Stunde. Es war früher Morgen, das Licht war noch grau. Der Geruch von alten Häusern floss auf die Straße, der Sonnenaufgang tropfte dreckig aus dem Himmel über der Stadt.

Die Stadt. Er kannte sie lange, kam von hier. Doch nun erkannte er sie kaum noch. Wo war er gewesen in den letzten Jahren? Die Graffitis an den Wänden erzählten keine Geschichten mehr. Er erreichte sein Auto und fuhr los, raus aus der Stadt. An einem Waldparkplatz hielt er an.

*

Er darf nicht einschlafen, er muss sich konzentrieren. Er hört der Musik zu. Domingo singt, und er denkt an die Nacht in Italien zurück, in der er seine Frau im Hotel sitzen gelassen hat. An die warme Nacht und die Musik. An das Gefühl, ohne seine Frau zu sein. Ohne Dunkelheit. Die Dunkelheit, die gefräßig neben dem Küchentisch lauert, die mit nach Italien gefahren war und schon in der ersten Nacht zurück zu Hause wieder neben dem Bett gestanden hatte. Keiner hat geschlafen, nicht in dieser Nacht und auch viele Nächte davor nicht. Wie viele Monate oder gar Jahre zuvor waren sie beide schlaflos gewesen?

Er ist so müde. Wann hat er sich verloren? Und wo? Er bemerkt sein Wegdämmern, denkt noch, er sollte sich umdrehen, aber es gelingt ihm nicht.

Oder will er es gar nicht mehr? Er spürt, wie der Schlaf zu ihm kommt und ihn mitnehmen will. Dann lässt er los, seine Frau, die Erinnerungen und den Schlaf.

Er beginnt zu schwimmen.